Ab auf die Insel der negativen Empfindungen

"The Island of Reil“ – Johann Christian Reil entdeckte 1796 den Insellappen, der für viele Sinneseindrücke, Gefühle aber auch Mutterliebe, Orgasmus oder Entscheidungs-findung beteiligt zu sein scheint.

Die aktuelle Untersuchung des Max-Planck-Instituts zeigt, wo die Inselrinde negative Gefühle verarbeitet und wie dies unser Verhalten bestimmt. Die Wissenschafter stellen in Aussicht, dass es eventuell Wege gibt, Angst-erkrankungen und Depressionen rückgängig zu machen - eine faszinierende Perspektive öffnet sich ...

 

>> Inmitten der Großhirnrinde liegt die Inselrinde. Hier treffen akute Sinneseindrücke, körperliche Zustände, Gefühle und Emotionen zusammen. Wie die Inselrinde diese Informationen verarbeitet und welchen Einfluss sie auf das Verhalten hat, ist jedoch weitgehend unklar – Wissen, das uns fehlt, um zum Beispiel die Vorgänge bei Depressionen, Angsterkrankungen und Essstörungen besser zu verstehen. Nadine Gogolla und ihr Team am Max-Planck-Institut für Neurobiologie konnten nun zeigen, wo die Inselrinde der Maus solch starke Gefühle wie Angst oder körperliches Unwohlsein verarbeitet und wie dies das Verhalten beeinflusst:

 

Gefühle und Emotionen haben einen großen Einfluss auf unser Verhalten. „Das ist auch gut so“, weiß Nadine Gogolla, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Neurobiologie. „Riecht zum Beispiel eine Maus einen Fuchs, dann bringt das Gefühl der Furcht sie dazu ihre Ausflüge in die Umgebung einzustellen und erst einmal mit dem Fressen aufzuhören.“ Einen ähnlich hemmenden Einfluss haben auch negative Körperzustände wie zum Beispiel Übelkeit. Solch unterschiedliche negativen Empfindungen und Verhaltensanpassungen sind über die hintere Inselrinde miteinander verbunden, wie Gogolla und ihr Team nun zeigen.

 

Daniel Gehrlach und seine Kollegen aus der Gogolla-Gruppe fanden heraus, dass die Nervenzellen der hinteren Inselrinde auf eine Vielzahl von Sinneseindrücken, Emotionen und Körperzuständen reagieren. Die hier verarbeiteten Informationen haben alle eine negative Auswirkung oder Signalwirkung auf das Tier. Interessanterweise können einzelne Nervenzellen dabei auf so unterschiedliche negative Reize wie Bitter, Furcht, Schmerz, Durst und körperliches Unwohlsein reagieren.

 

Sobald die Zellen solch einen negativen Zustand erkennen, leiten sie die Informationen über zwei unterschiedliche Nervenbahnen zum Mandelkern oder dem Nucleus accumbens weiter. Beide Gehirnregionen sind dafür bekannt, dass sie das Verhalten eines Tieres direkt beeinflussen können. „Wir konnten erstmals zeigen, welchen Einfluss die Inselrinde über diese beiden neu entdeckten Verbindungen auf das Verhalten hat“, so Gogolla.

 

Die Aktivierung der Nervenbahn von der Inselrinde zum Mandelkern bewirkt vor allem Verhaltens-anpassungen an Angst: Die Maus reduziert ihre Nahrungsaufnahme, sozialen Kontakte und auch das Erkunden der Umgebung. Unterdrückten die Forscher die Aktivität dieser Nervenbahn, waren die Tiere weniger ängstlich.

 

Das Aktivieren der Nervenbahn zum Nucleus accumbens hatte dagegen den gleichen Effekt wie eine Krankheit: Die Mäuse hörten auf zu fressen. Interessanterweise konnten die Tiere trotz Übelkeit etwas fressen, wenn diese Nervenbahn inaktiviert wurde. „Die so gezeigten mechanistischen Zusammenhänge in der Maus sind ein wichtiger Schritt um Angsterkrankungen, Depressionen und Essstörungen wirklich zu verstehen“, so Gogolla.

 

Das Gefühl, krank zu sein, oder starke negative Emotionen sollen Mensch und Tier dazu bringen, sich zu schonen und schützen. Angsterkrankungen oder Depressionen entstehen, wenn negative Emotionen zu stark oder zu häufig werden. „Möglicherweise lernt die Inselrinde aus vorherigen Erfahrungen, so dass die Zellen beim nächsten negativen Eindruck stärker oder schneller reagieren“, überlegt Gogolla. „Haben wir solche Zusammenhänge erst einmal verstanden, finden wir vielleicht auch Wege, um sie rückgängig zu machen oder zumindest einzudämmen.“ <<

 

 

Und Du?

 

Frustessen oder keinen Bissen herunterbekommen - wie reagierst Du bei negativen Gefühlen?
Hast Du noch weitere Tipps für andere?

Wir sind gespannt auf Deinen Kommentar und freuen uns auf interessanten Austausch!

 


Originalpublikation:

Daniel A. Gehrlach, Nejc Dolensek, Alexandra S. Klein, Ritu Roy Chowdhury, Arthur Matthys, Michaela Junghänel, Thomas Gaitanos, Alja Podgornik, Thomas Black, Narasimha Reddy Vaka, Karl-Klaus Conzelmann, Nadine Gogolla

Aversive state processing in the posterior insular cortex

Nature Neuroscience, online 27. September 2019

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Kommentare: 2
  • #1

    yanda (Freitag, 13 September 2019 12:46)

    ich habe grade vorhin gelesen, dass die Amygdala ( der Mandelkern) bei menschen mit Autismus vergrössert ist und zwar schon ab dem Kindesalter... ich habe aber auch gehört, dass der mandelkern bei medialen Fähigkeiten und bei träumen eine sehr grosse rolle spielt. eugen Drewermann nannte das was man in der Psychologie auch die wächterintelligenz nennt, die Intelligenz der Depression. und mike hellwig, der begründer der psychologischen Methode der " radikalen Erlaubnis", sieht den Ausweg aus angst und Depression in der annahme der Emotionen, wobei er diese Emotionen erlebt und geichzeitig beobachtet, um eine Identifikation zu vermeiden.

  • #2

    Monika (Freitag, 13 September 2019 13:26)

    Ja, Mike Hellwig vertrat mit seiner "radikalen Erlaubnis" die Meinung, dass uns diese gerade in schwierigen Lebenssituationen (persönlichen Krisen, Depressionen, ...) zu unserem inneren Frieden kommen lässt, indem wir den Kampf in uns annehmen und dass wir nur dadurch zu einer wirklichen Veränderung unseres Lebens kommen können. Er arbeitete mit seiner These vor allem gegen die damals weit verbreitete Annahme, positives Denken verändere unser Leben automatisch positiv mit der Begründung, dass wir durch positives Denken einen Teil unserer inneren Kämpfe verleugnen. Beim Thema Angst ist es ähnlich - auch Verhaltenstherapeuten raten, sich der Angst zu stellen, und zwar gleich dem schlimmsten denkbaren Szenario. Manchmal genügt eine einzige direkte Konfrontation gegen die Angstsituation, manchmal muss diese bewusste Konfrontation über einen längeren Zeitraum trainiert werden.